08. April 2020

Internationaler Tag der Provenienzforschung

#closedbutopen
#TagderProvenienzforschung

Was ist Provenienzforschung?

Die Provenienzforschung erforscht die Herkunft und Geschichte der Objekte in den Museumssammlungen sowie die verschiedenen Besitzverhältnisse idealerweise lückenlos von der Entstehung der Objekte bis zum Eingang in die Sammlungen.

Das lateinische Verb provenire bedeutet “hervorkommen, entstehen”. Die Provenienz gibt somit die Herkunft einer Sache oder einer Person an.

Die Provenienz der Objekte in den zumeist im späten 19. Jahrhundert gegründeten Museen in Europa wurde bis ins ausgehende 20. Jahrhundert kaum systematisch dokumentiert oder gar erforscht. Anders verhält es sich bei den ehemaligen fürstlichen Sammlungen, die oft gut dokumentiert sind, da die Werke als repräsentative Erwerbungen gekauft oder in Auftrag gegeben wurden und es daher entsprechende Quellen gibt.

Systematisch wird die Provenienz von Sammlungsobjekten seit 1998 erforscht. In jenem Jahr verständigten sich 44 Staaten, darunter auch Deutschland, auf der Conference on Holocaust-Era Assets in Washington darauf, die zwischen 1933 und 1945 NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter zu identifizieren und sie den Verfolgten oder deren Erben zurückzugeben.

 


1999 unterzeichneten Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände eine Gemeinsame Erklärung als freiwillige Selbstverpflichtung zur Identifikation und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunst- und Kulturgütern.

Darüber hinaus zeigt eine Handreichung Möglichkeiten für den Umgang mit Restitutionsbegehren beispielhaft auf, wobei jedoch aufgrund der komplexen Sachverhalte eine Einzelfallprüfung stets unumgänglich ist.

 

In den letzten Jahren traten neben der Aufdeckung von Raub- und Beutekunstschicksalen von Werken in Museumssammlungen neue Aspekte der Provenienzforschung in den Fokus: Erwerbungen in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1989 sowie Erwerbungen aus kolonialen Kontexten.

Dr. Jan Scheunemann erforscht seit 2018 im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Forschungsprojektes die Rolle der Moritzburg als zentrale Sammelstelle für im Zuge der Bodenreform unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Land Sachsen-Anhalt beschlagnahmte Objekte. Hier erklärt er die beiden Hauptbeschlagnahmegründe: die Enteignungen im Zuge der Bodenreform und die Enteignung von Republikflüchtigen bzw. politisch überwachten Personen.

Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) ist Teil der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, die im Auftrag des Landes Sachsen-Anhalt unzählige Objekte verwaltet, die einst als Bodenreformgut beschlagnahmt wurden. Im Zuge der Recherchen bei der Bearbeitung der Rückübertragungsanträge gemäß Gesetz über die Entschädigung nach dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen und über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage (kurz: Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz = EALG) wurden seit 1994 mehr als 12 000 Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer restituiert. Einige Objekte, die für die Museumssammlungen von großer Bedeutung sind, konnten als Schenkungen oder Ankäufe dauerhaft für das Museum gesichert werden. Die Recherchen in diesem Bereich der Erwerbungen werden uns noch viele Jahre beanspruchen.

 

Die Restitution von Kunst- und Kulturgut nach dem Ausgleichsleistungsgesetz durch die Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt – Bilanz und Ausblick

Manuskript der Rede von Prof. Konrad Breitenborn auf der Konferenz „Entziehungen von Kulturgütern in SBZ und DDR – Der Stand der Forschungen und die Perspektiven“, 21.11.2016, Stiftung Brandenburger Tor, Berlin

Provenienzforschung in den Sammlungen des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale)

Im Jahr 2000 sah sich das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), damals Staatliche Galerie Moritzburg Halle, mit einem vermögensrechtlichen Anspruch der Erbin des jüdischen Kaufmanns, Kunstsammlers und Mäzens Max Silberberg (1878–1942 Ghetto Theresienstadt oder KZ Auschwitz) aus Breslau an einer Zeichnung von Hans Thoma (1839–1924) konfrontiert, die 1937 aus der Kunsthandlung Gerstenberger in Chemnitz erworben worden war.

Die Beweislage war eindeutig. Weitere Recherchen zum Erwerb des Blattes in den Ankaufsunterlagen zeigten, dass die Kunsthandlung den Übergang des Blattes in den eigenen Verkaufsbestand verschleiert hatte. 2003 wurde die Zeichnung an die Erben nach Max Silberberg restituiert und konnte zugleich für die Grafische Sammlung des Kunstmuseums erworben werden.

Dieser Fall sensibilisierte die Museumsmitarbeiter, die Erwerbungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 intensiver in den Blick zu nehmen. Im Jahr 2001 konnte Gunnar Lüsch mit Unterstützung der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg, heute Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, anhand der Inventare sowie der Kaufbelege und -rechnungen in den Archivakten eine Provenienzprüfung bei ausgewählten Sammlungsbeständen durchführen. Diese Angaben wurden in einer Liste zusammengefügt und in der Lostart-Datenbank als Fundmeldung veröffentlicht. Eine tiefergehende Recherche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Werken konnte aus Kapazitätsgründen zu diesem Zeitpunkt nicht durchgeführt werden.


In den darauffolgenden Jahren gab es weitere Anfragen auf Überprüfung einzelner Erwerbungen ab 1933. Die Notwendigkeit einer tiefergehenden Recherche offenbarte sich immer mehr. Mit der finanziellen Förderung durch die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/ -forschung (AfP) konnte die Kunsthistorikerin Susanna Köller von Mai 2011 bis Oktober 2013 das Projekt zur "Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerken" im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) durchführen.

Das Projekt zur Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut

Im Fokus dieser Untersuchungen standen die Erwerbungen für die Gemälde- und die Grafische Sammlung zwischen den Jahren 1933 und 1945/49. Es wurden 70 Gemälde, 106 Handzeichnungen sowie über 230 Druckgrafiken untersucht. Darüber hinaus wurde auch die Erwerbung eines Konvolutes von Silbergegenständen in den Blick genommen, da sich hier Hinweise auf NS-Raubkunst zeigten.

Ausgangslage war der Bericht zur Provenienzprüfung sowie die Liste von Gunnar Lüsch. Für die weitere Bearbeitung eröffnete sich ein wesentliches Problem: Inventarisierungslücken der 1920er und auch 1930er Jahre. In den 1920er Jahren stellte der damalige MUseumsdirektor Alois J. Schardt das Inventarisierungssystems auf Karteikarten um, die heute fast gänzlich verloren sind. Auflistungen der Erwerbungen finden sich heute nurmehr rudimentär in verschiedenen Sammel-Inventaren. Zudem wurden ab 1946 im Rahmen einer Teilinventur der Museumsbestände Nachinventarisierungen vorgenommen, bei der zahlreiche Werke Eingang in das Inventarbuch fanden, deren Herkunft zu diesem Zeitpunkt nicht näher zu klären war und mit „Herkunft unbekannt“ oder „Fund“ verzeichnet wurden.

Die Arbeit nahm sich daher oft kriminalistisch aus. Neben der körperlichen Untersuchung bzw. der Autopsie der Vorder- und Rückseite jedes einzelnen Werkes, der Recherche in Werkverzeichnissen, Ausstellungskatalogen, Fachliteratur, Auktionskatalogen oder dem Abgleich gefundener Sammlerstempel mit dem Lugt (Frits Lugt: Les Marques des Collections des Dessins et d'Estampes – Nachschlagewerk zu internationalen Sammlerstempeln) sowie weiteren Online-Portalen und zahlreichen Archiven waren es auch die Kontakte zu anderen Forschern, Werkverzeichnisbearbeitern und Kunsthistorikern, die wichtige Hinweise zur weiteren Recherche gaben.

Frits Lugt: Les Marques des Collections des Dessins et d'Estampes

Nicht zuletzt musste die Logistik innerhalb des Museums funktionieren und koordiniert werden, mussten Gemälde und Grafiken für die Untersuchung aus den Depots geholt oder von ihren Wänden in der Ausstellung genommen werden, mussten Restauratoren gegebenenfalls bei grafischen Blättern Montierungen oder den Rückseitenschutz bei Gemälden lösen, um die Werke von allen Seiten untersuchen zu können. Für jedes untersuchte Werk wurden Dossiers angelegt, in das die Beobachtungen und Spuren am Objekt sowie die Recherche-Ergebnisse eingetragen wurden, sodass eine spätere fortführende Recherche auf diese Ergebnisse zurückgreifen kann.

Wie läuft Provenienzforschung ab?


Provenienzrecherche ist aufwendig und zeitintensiv! Und trotz aller Anstregungen bleibt sie nicht selten ergebnislos. Doch auch Negativfunde sind in diesem Zusammenhang wichtige Ergebnisse. Mit Blick auf den zu bearbeitenden Bestand im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) verloren sich häufig, trotz intensiver Bemühungen und Versuchen, sich dem einzelnen Objekt bzw. den Erwerbungsvorgängen von mehreren Seiten zu nähern, irgendwann die Spuren der weiteren Herkunft der Werke. Mitunter waren die zeitlichen Lücken geringer, womit graduelle Tendenzen der „Belastung“ oder „Nichtbelastung“ formuliert werden konnten. Bei vielen anderen Werken war selbst das nicht möglich.


Da seit dem Ende des geförderten Projektes im Oktober 2013 die Provenienzforschung weitergeführt wurde und wird, immer wieder neue Quellen und Zusammenhänge erschlossen werden können und sich für einzelne Werke mitunter neue Anhaltspunkte für weitere Recherchen ergeben, ist die Provenienzforschung nie abgeschlossen.

Im Folgenden zeigen wir an 8 Beispielen aus unseren Sammlungen, wie sich die Provenienzrecherchen zu den Werken gestalteten, welche Werk-Biografien sich schlussendlich ergaben und wie das weitere Schicksal der Gemälde, Zeichnungen und Plastiken bis heute war und ist - ein Streifzug durch 20 Jahre Provenienzforschung im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) und ihre Ergebnisse.

Beispiele aus unseren Sammlungen

Erwerbungen aus den Jahren 1933 bis 1945

NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kunstgut

Beschlagnahmungen im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst"

Erwerbungen aus den Jahren 1945 bis 1989

unmittelbare Nachkriegszeit bis 1949

Erwerbungen aus den Jahren 1945 bis 1989

politisch bedingte Enteignungen

 

Ein paar Empfehlungen zur Vertiefung

Hinweis vorab

Dies sind Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei Bekanntwerden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Links umgehend entfernen

 

Internationale Konferenz
Es gibt noch viel zu tun beim Umgang mit NS-Raubkunst
Stefan Koldehoff im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske, Deutschlandfunk, 28.11.2018 Mehr erfahren

Provenienzforschung
Die Dresdner Bank und die Raubkunst
von Jochen Stöckmann, Deutschlandfunk, 12.11.2017 Mehr erfahren

Enteignung von Kulturgütern in der DDR
„Es ging im Wesentlichen um Kunst und Antiquitäten“
Ulf Bischof im Gespräch mit Anja Reinhardt, Deutschlandfunk, 21.11.2016 Mehr erfahren

Raubkunst nach 1945
„Was verbirgt sich hinter Provenienzrecherche?“ 
Gilbert Lupfer im Gespräch mit Änne Seidel, Deutschlandfunk, 12.04.2016 Mehr erfahren