05. Mai 2021

Napoleon Bonaparte: Ein Kunsträuber, verewigt in Medaillen

Zum 200. Todestag

 

Napoleon Bonaparte (1769–1821) zählt bis heute zu den bekanntesten Franzosen. Er beeinflusste in seiner Zeit und lange darüber hinaus auch die Geschicke in Deutschland umfassend. Mit dem Mythos des revolutionären Diktators verknüpfen sich unter anderem der berühmte Code Civil, aber auch einer der blutigsten Kriege in Europa.

Auf Napoleon geht jedoch auch die Begründung eines der bekanntesten Museen der Welt, des Louvre, zurück. Dessen erster Direktor, gern als „Auge Napoleons“ benannt, Dominique-Vivant Denon (1747–1825), ließ das neue Museum mit einem bis dahin unvergleichlichen Kunstraub aufblühen. Aus Dresden, Berlin, Schwerin, auch aus Halle (Saale)*, aus Rom, Florenz, Wien und vielen anderen Orten stahl er tausende Gemälde, Handschriften, Münzen und vor allem antike Kunstwerke und brachte sie nach Paris. Es waren Trophäen für die Triumphzüge des ersten französischen Kaisers. Dazu gehörten auch die Berliner Quadriga, die Pferde vom Markusdom in Venedig oder der Sarkophag Karls des Großen aus dem Aachener Dom. In Frankreich wird die Kunstbeute gern „les saisies révolutionaires“ (revolutionäre Beschlagnahmung) genannt. Eine ganze Reihe der gestohlenen Werke wurde von den siegreichen Alliierten 1815 wieder zurückgeholt.

 

Ein Münzraub in der Saale-Stadt

Aus Halle (Saale) entschwanden antike Münzen nach Frankreich, aus der damals schon berühmten Sammlung von Johann Heinrich Schulze (1687–1744). Schulze ist sicherlich zunächst vor allem wegen der Entdeckung der Lichtempfindlichkeit der Silbersalze als Urahn der Fotografie bekannt. Er begründete jedoch auch die Numismatik als akademische Disziplin. Seine Sammlung begründete eine Schenkung einer antiken griechischen Münze, eines Tetradrachmons von der Insel Thasos im Nordägäischen Meer aus der Zeit um 148 v. Chr.  durch einen Studenten aus Siebenbürgen. Schulze trug 2.747 Münzen zusammen, die er unter anderem für Vorlesungen als Lehrmaterial nutzte. Die Sammlung wurde von Michael Gottlieb Agnethler (1719–1752) im Jahr 1746 erstmals und in allen Teilen zwischen 1750 und 1752 publiziert. Sie erreichte größere Bekanntheit durch diverse Abbildungen in der 62 Bände umfassenden „Übersetzung der Allgemeinen Welthistorie“ aus dem halleschen Gebauer-Verlag (1744–1814).

Im Jahr 1783 wurde der Altertumswissenschaftler Friedrich August Wolf (1759–1824) an die hallesche Universität berufen. Er nahm die Sammlung zu Studienzwecken aus der damaligen Universitätsbibliothek am Friedemann-Bach-Platz mit in sein Haus in der Brüderstraße. Er schrieb im Jahr 1806 an seinen Freund Johann Wolfgang von Goethe, dass er täglich acht bis zehn Stunden in den Münzen wohnen würde. Die französische Besatzung schloss die Universität im Oktober 1806, was Wolf zu einer überstürzten Flucht nach Berlin zwang. In seinem Haus wurden französische Offiziere einquartiert. Als Wolfs Tochter die Sammlung völlig ungeordnet zurückgab war der Verlust von 240 größeren Münzen aus edlen Metallen sichtbar. Erst nach langen Auseinandersetzungen mit der Universitätsleitung veranlasste der preußische Kultusminister die Streichung der Diebstähle aus dem Inventar. 

Weitere Informationen

Bis heute ist diese inzwischen etwa 5000 Münzen umfassende Sammlung, die früheste akademische Lehrsammlung einer deutschen Universität, ein wesentlicher Bestandteil des archäologischen Museums, des Robertinums am Universitätsplatz:

Weitere Informationen zur Münzsammlung des Robertinums

Lebendig berichtete der Augenzeuge, der Philosoph Professor Johan Christoph Hoffbauer (1766–1827), über die französischen Plünderungen und die Gefechte in Halle:

Joh. Chr. Hoffbauer: Bericht über die napoleonische Besetzung Halles im Oktober 1806, Ein unveröffentlichtes Dokument aus der dortigen Marienbibliothek (PDF-Datei, 1,19 MB)

 

Napoleon war persönlich von der Medaillenkunst fasziniert und nutzte sie zur ewigen Dokumentation seines Ruhms. Damit stellte er sich in eine direkte Traditionslinie zum Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638–1715). Napoleons „Histoire Métallique“ gestaltete ab 1803 der Archäologe und Reisegefährte seiner Ägyptenexpedition, Vivant Denon, dem der Kaiser bereits ein Jahr zuvor auch die Generaldirektion der Museen übertragen hatte. Der Regisseur der napoleonischen Kunstpolitik nannte die Medaillen die „monumentalste aller Künste“ und die „einzigen Zeugnisse des Ruhms, die alle Jahrhunderte überdauern“ (so zusammengefasst 2003 von Lisa und Joachim Zeitz in „Napoleons Medaillen“). Nie zuvor wurden Medaillen in einem solchem Umfang geprägt. Napoleon plante die Herstellung von 400.000 Stück! Jährlich sollten bis zu 20 Editionen herausgegeben werden. Jeder Soldat sollte das Bild seines Kaisers an seinem Herzen tragen können. Auch wenn nicht alle Pläne umgesetzt werden konnten, wurde die napoleonische Ära zu einem Vorbild für den Klassizismus in ganz Europa.

 

 

Die erste Medaille unter der Leitung von Vivant-Denon überreichte dieser Napoleon am 16. August 1803 bei einem zeremoniellen Besuch des Louvre. Das Porträt fertigte Romain Vincent Jeuffroy (1749–1826). Als Vorbild für das Bildnis dienten Porträts des römischen Kaisers Augustus. Napoleon wird zeitlos jugendlich idealisiert. Die Darstellung gewinnt durch ihre betonte Plastizität eine starke Monumentalität. Die Rückseite zeigt eine der damals berühmtesten Skulpturen der Antike, die Venus Medici aus den Uffizien in Florenz, deren Auslieferung Napoleon 1803 erreichte. Der Kaiser begrüßte die Statue als „Braut für den Apoll von Belvedere“. Die Inschrift lautet „den Künsten der Sieg“**. Für den großangelegten Kunstraub unter Napoleon galt dagegen das Motto umgekehrt: Den Siegern die Kunst.

 

In Fortsetzungsfolge veröffentlichte die New Yorker Zeitung „The Century Magazine“ 1894/95 eine mehrbändige Biografie Napo­leon Bona­partes. Für die Pla­kat­kam­pagne zur Ver­öffent­lichung des zwei­ten Ban­des wurde ein Wett­bewerb aus­geschrie­ben. Henri de Toulouse-Lautrecs Ent­wurf hier­für zeigt Napo­leon mit Zwei­spitz und dunk­lem Militär­mantel zu Pfer­de. Ein Reiter in ara­bisch-türkischem Kostüm links und ein eng­lischer Gene­ral rechts im Bild ver­wei­sen auf die Feld­züge Napo­leons. Mittels Spritz­technik erzeugt Toulouse-Lautrec eine fein nuan­cierte Far­big­keit; mit ner­vös anmu­tendem Strich ver­mit­telt er Ener­gie und Ele­ganz der Pferde.

Die Jury entschied sich für den deutlich konventionelleren Entwurf eines anderen Künstlers. Der Entwurf Toulouse-Lautrecs ist ab Wiederöffnung des Museums in unserer aktuellen Sonderausstellung „La Bohème. Henri de Toulouse-Lautrec und die Meister vom Montmartre“ zu sehen und kann ab 8. Mai im virtuellen Rundgang zur Ausstellung entdeckt werden.

Weitere Informationen zur Sonderausstellung

Henri de Toulouse-Lautrec: Napoléon – avant la lettre, 1895, Farblithografie, 60 x 45,5 cm, Foto: © Musée d'Ixelles-Bruxelles / Courtesy of Institut für Kulturaustausch, Tübingen

 

Das zweite Beispiel für die Idee der kaiserlichen Erinnerungsmedaille wurde 1813 auf die Schlacht von Lützen am 2. Mai ediert. Die französische Bezeichnung der ersten großen Schlacht der Befreiungskriege, in der deutschen Überlieferung die Schlacht von Großgörschen, war bewusst als Symbol in Erinnerung an den dort 1632 gefallenen schwedischen König Gustav II. Adolf (1594–1632) gewählt. Nachdem Napoleon am 30. April 1813 die Saale mit 120.000 Mann überquert hatte, verbrachte er demonstrativ die Nacht vom 1. zum 2. Mai am Denkmal für Gustav II. Adolf. Im Verlauf der Schlacht mussten die Alliierten, Preußen und Russland, die Initiative des Handelns abgeben. Dies versinnbildlicht die von Nicolas Brenet (1773–1846) geschaffene Rückseite. Zwei Reiter, ein russischer Kosak und ein preußischer Offizier, blicken ängstlich hinter sich. Im Hintergrund stehen zahlreiche französische Soldaten in Schlachtordnung vor der Stadt Lützen. Sie wird entsprechend der Stadtansicht von Merian aus der Zeit um 1650 durch den Turm der 1513 geweihten Stadtkirche St. Viti dargestellt.

Die Vorder- und Porträtseite der Medaille schuf Alexis-Joseph Depaulis (1792–1867). Das Porträt zeigt den Kaiser in Uniform von einem Lorbeerkranz bekränzt. Napoleon bezahlte seinen Schlachterfolg mit dem Tod von 20.000 Soldaten, während die Alliierten 12.000 Gefallene beklagen mussten.

 

 

Der allumfassende dynastische und künstlerische Anspruch der napoleonischen „Histoire Métallique“ gab auch der deutschen Medaille Impulse. Napoleon suchte mit seinen Editionen ein heroisch verehrendes und dynastisches Massenmedium zu konzipieren, das zeichenhaft Respekt und ein Gefühl für die historische Dimension von Heldenhaftigkeit wecken sollte. Zugleich diente es dazu, den Bekanntheitsgrad seines Bildnisses zu erhöhen und damit seine Ausstrahlung zu verstärken. So erneuerte der Klassizismus den gesellschaftlichen Anspruch und die Wertschätzung des Mediums.

 

 

Dieses Vorbild ideell rezipierend, wirkten insbesondere Berliner Bildhauer wie Johann Gottfried Schadow (1764–1850), Christian Daniel Rauch (1777–1857) und nicht zuletzt Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) für die deutsche Medaille innovativ. Mit den unter anderem in Paris ausgebildeten Leonhard Posch (1750–1831) und Henri François Brandt (1789–1845) kamen zudem von der französischen Kunst geprägte Medaillenkünstler nach den Befreiungskriegen nach Berlin. Damit war hier die Grundlage gegeben, dass Schinkel mit seinem hohen Anspruch im Jahr 1817 betonen konnte, dass die Medaille „als Monument zu betrachten“ ist und „den Anforderungen an ein solches genügen“ müsse. Ein Denkmal oder Monument war nach seinem Verständnis ein „Zeichen der Verehrung“ und das, „warum man verehrt“, war herauszuheben. Die Fehler sollten „zur vollständigen Charakteristik der Geschichte überlassen“ bleiben. Ein Denkmal wurde „für alle Zeiten“ geschaffen und müsse „deshalb im Reich der schönen Kunst gegründet sein“. Im Gegensatz zu Frankreich blühte die deutsche Medaillenkunst in dieser Zeit auch wegen ihres Charakters als volkstümliches Erinnerungszeichen.