8. Dezember 2022

Mit Licht gezeichnet – Das Bewahren von Fotografien. Ein Workshop mit der Fotorestauratorin Marjen Schmidt

 

Der Nachlass von Hans Finsler (1891–1972) legte 1987 den Grundstein für eine eigenständige Sammlung Fotografie im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale). Bis heute ist diese Sammlung auf stolze rund 80.000 (!) Objekte angewachsen. Wenn wir hier von Objekten reden, dann meinen wir nicht nur die wohl vertrauten Abzüge in ihren diversen Formen, Größen, Materialien und Zuständen, sondern auch Glasplatten- oder Planfilmnegative, Rollfilmnegative und Dias. Eine der Kernaufgaben der Museumsarbeit ist neben dem Sammeln, Forschen, Ausstellen und Vermitteln das Bewahren dieser Objekte. Richtig bewahren können wir diese jedoch nur, wenn wir vorher richtig erkannt haben, um was genau es sich handelt, denn jedes Material hat seine Eigenheiten und Anforderungen, durch die auch Schadensbilder variieren können. Neben Bildinhalten, Künstlerbiografien, Ausstellungen und Inventarisierung beschäftigen wir uns also mit ein- oder mehrfarbigen Fotografien, versuchen Träger, Bindemittel und Bildstoff/lichtempfindliche Substanzen zu eruieren (die pure Chemie), um so den Geheimnissen der Objekte auf die Spur zu kommen. Dazu braucht es jedoch ein spezifisches Skill-Set: Als Training, zur Auffrischung von Kenntnissen, zur Klärung von Problemfällen und zum Austausch über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse fand daher im Sommer 2022 ein hausinterner Foto-Workshop mit der Fotorestauratorin Marjen Schmidt statt. Ein Einblick:

 

FOTODRUCKPOSI­TIVNEGA­TIV
EIN­FARBIGMEHR­FARBIGFARB­TONOBER­FLÄCHE
TRÄ­GERBINDE­MITTELBILD­STOFFSCHA­DEN

 

Für die museale Bestandsaufnahme einer Fotografie gilt es – neben den Standards aus Künstlerin/Künstler, Titel, Jahr, Objektbezeichnung, Maße, Provenienz u. v. m. –, idealerweise all die Faktoren der Tabelle zu berücksichtigen, um perspektivisch die beste Erhaltungsgrundlage für das Objekt zu schaffen. Historisch ist die Fotografie dabei ein technisch und künstlerisch äußerst vielfältiges Medium, das auf Ebene der Bildentstehung, der Bildverarbeitung und der Ebene des fertigen Abzugs konstant Erneuerungen unterlag und unterliegt. Das Erzeugen eines Positivs (also eines „richtigen“ fotografischen Abzugs) von einem Negativ kann historisch gesehen beispielsweise auf zweierlei Arten geschehen: entweder durch das Auskopierverfahren, d. h. das Belichten, Fixieren und Wässern oder das klassische nass-chemische Entwickeln, Fixieren und Wässern in der Dunkelkammer. Dabei veränderte die Digitalkamera ab den 2000er Jahren die Fotografie grundlegend: Es wird kein physisches Negativ mehr produziert. So mussten Belichtungsgeräte erfunden werden, die die digitalen Daten verarbeiten können, die zeilenweise eine Datei und nicht mehr flächig ein Negativ ausbelichten. Die Maschinen in den großen Drogerieketten wenden dabei häufig den Thermosublimationsdruck an und das fertige Bild steht innerhalb von wenigen Minuten zur Verfügung.

 

Die Fragen nach dem Träger des Bildes (Metall, Papier, Glas oder Kunststoff), dem Bindemittel, welches die lichtempfindlichen Silbersalze in Position hält (Kollodium, Albumin oder das gebräuchlichste: Gelatine) sind zu umfänglich, um sie in einem Blogbeitrag auch nur kurz vorzustellen. Für das Bewahren essenziell ist – nach dem Erkennen – jedoch die materialabhängige richtige konservatorische Lagerung, um Schäden zu verhindern und bereits vorhandene Schäden nicht zu vergrößern bzw. zu verschlimmern.
 

Kälte – Konstanz – Dunkelheit

Das A und O sind ein konstantes Klima und eine relative Luftfeuchte von 30 bis 50 % (ISO 18934).
 

Wer ist Marjen Schmidt?

Foto­re­tuscheurin, Diplom-Fo­to­inge­nieurin, Fo­to­restau­ra­torin im Agfa Foto-Histo­rama, Köln und in der Samm­lung Foto­grafie im Stadt­mu­se­um Mün­chen, seit 1992 frei­be­ruflich tätig. Zu­dem öffent­lich be­stell­te und verei­dig­te Sach­ver­stän­dige für Fo­to­gra­fie und Lehr­be­auf­tragte an der Aka­de­mie der Bil­den­den Künste in Stuttgart.

 

Die Tabelle aus dem Workshop zeigt deutlich, dass Fotografien es kalt mögen und zwar je kälter, desto besser. Allerdings besteht das Einfrieren oft nicht den Praxistest und ist unökonomisch, wenn die Fotografien noch bearbeitet werden müssen. Bei einer Aufbewahrung von -20° C muss zudem eine längere Auftauzeit berücksichtigt werden, sodass die Fotografien nicht durch Kondenswasser geschädigt werden.

Insbesondere vor dem Hintergrund der Klimakrise sowie aktueller ökologischer und ökonomischer Entwicklungen zum Thema Energie und Klima stehen Überlegungen zur Lagerung von Kulturgut zudem immer in einem größeren gesellschaftlichen Kontext, den es stets aufs Neue auszuloten gilt.

Prof. Dr. Bertrand Lavédrine entwickelte 2003 ein Schema für die Lichteinwirkung auf Fotografien. Werden etwa Fotografien aus dem 19. Jahrhundert bei 50 Lux für 3 Monate in einer Ausstellung gezeigt, sollten diese anschließend für 3 Jahre in der Dunkelheit einer Schublade aufbewahrt werden. Silbergelatineabzüge auf Barytpapier verkraften in der Theorie hingegen bei 100 Lux 14-wöchige Ausstellungen jährlich. Die chemische Zusammensetzung des Fotomaterials gibt also die konservatorischen Bedingungen vor. Nichtsdestotrotz ist jede Entscheidung immer in Abhängigkeit vom konkreten Abzug zu sehen. Ist dieser bereits geschädigt? Zeigen sich Altersspuren? Im Zweifel gilt: Lieber zurückhaltend exponieren, denn einmal entstandene Schäden durch klimatische Einflüsse sind meist nicht reversibel.
 

Schäden

Wer kennt Schäden an seinen eigenen Privatfotos nicht? Gewelltes Papier bei den Fotos aus dem feuchten Keller, ein großer Wasserfleck hat das Motiv aufgelöst oder die Verbräunung oder Aussilberung bei einer alten Fotografie macht diese fast unleserlich …

Sowohl Negative als auch Positive können von Schäden unterschiedlichen Schweregrades betroffen sein. Bei Glasnegativen sind der Glasbruch und die Ablösung der fotoempfindlichen Schicht die verheerendsten Schäden, weil sie irreversibel sind.

 

 

Zu einer Schichtschädigung kann auch Schimmel und zu einem Schichtverlust kann der Hunger auf Gelatine von Papier- und Silberfischchen führen.

 


Ein Sonderfall, der zur Vorsicht mahnt, ist das Trägermaterial Cellulosenitrat. Zwischen Ende des 19. Jahrhunderts bis 1955 wurde es für die Herstellung von fotografischen Kleinbild-, Roll- und Plannegativfilmen verwendet. Problematisch an Cellulosenitrat ist, dass es sich über verschiedene Zersetzungsstufen selbst zersetzt: Eine gelbliche Verfärbung, Brüchigkeit und Verwellung stehen zu Beginn; Salpetersäure und andere giftige Dämpfe werden freigesetzt – die Schädigung wird riechbar und infiltriert nebenlagernde Objekte. Bei geschädigten Filmen kann sich der Film leicht entzünden und dann brennt er schnell und lichterloh. Dass es zur Entzündung kommt, ist nicht gesetzt, aber es kann passieren. Ab ca. 1925 wurde dann auch Cellulosesacetatfilm, „Safetyfilm“, verwendet, der sich leider auch als nicht so haltbar herausstellte wie erhofft. Hier tritt das Vinegar-Syndrom auf, das Trägermaterial schrumpft und setzt Essigsäure frei. Das Erkennen von Cellulosenitrat- und -acetatträgern stellt ein größeres, kostenintensiveres Vorhaben dar. Bei Planfilmen könnte der „Notch Code“ als V-Kerbe und bei Kleinbildfilmen die Randbeschriftung „nitrate“ Hinweis auf das Cellulosenitrat geben. Als chemisches Verfahren kann der Diphenylamintest Aussagen bei Cellulosenitrat treffen. Die schonendste Möglichkeit für beide Filmträger bietet aber die Infrarotspektroskopie. Auch hier ermöglicht erst das Erkennen wieder das nötige Handeln.

 

In der vorderen Reihe sind zwei Celluloseacetatfilme abgebildet, im hinteren Bereich zwei Cellulosenitratfilme. Deutlich sichtbar ist in den Planfilmnegativen die bereits brüchige Schicht. Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Anschauungsobjekte aus dem Workshop © Marjen Schmidt

 

Viele Schäden an fotografischen Objekten sind irreversibel und die Entstehung dieser muss daher am besten im Rahmen einer präventiven Konservierung von vornherein vermieden werden. Fotografien sind empfindlich und Chemikalien arbeiten unablässig weiter – ein weites Feld, das es achtsam in den Museumsalltag zu integrieren gilt.

 

Zur Vertiefung

Publikation

Marjen Schmidt: Foto­gra­fien. Erken­nen – Be­wahren – Aus­stellen


hrsg. v. der Landes­stelle für die nicht­staat­lichen Mu­seen in Ba­yern, Ber­lin: Deut­scher Kunst­verlag 2022, 3. akt. Auflage

Publikation

Martin C. Jürgens: The Digi­tal Print - Iden­ti­fi­ca­tion and Pre­ser­va­tion


Los Angeles: The Getty Con­ser­va­tion Insti­tute 2009

Publikation

Bertrand Lavédrine: A Guide to the Pre­ven­ti­ve Con­ser­va­tion of Pho­to­graph Col­lec­tions


Getty Trust Publications 2003