14. Juli 2021

Eberhard Zwicker – Auf Augenhöhe

Fotografische Porträts des Apostelzyklus im Dom zu Halle (Saale)

1. Juli — 15. August 2021:
Ausstellung im Dom zu Halle (Saale) zum 750‑jährigen Domjubiläum 2021

 

In den eisigen Winternächten von 1947 wagte sich der hallesche Fotograf Eberhard Zwicker (1915, Stuttgart – 1999, Würzburg) in luftige Höhen, um mit Gerüst und 13 x 18 cm-Holzplattenkamera die steinernen Apostelfiguren im Dom zu Halle (Saale) fotografisch zu erfassen. Seine ausdrucksstarken, fein gezeichneten Schwarz-Weiß-Aufnahmen bringen die in 4 bis 6 Metern Höhe angebrachten Skulpturen auf Augenhöhe und machen sie in ihrer lebendigen, individuellen Gestaltung erfahrbar.

 

 

Die überlebensgroßen Skulpturen aus Tuffstein wurden um 1525 von dem namhaften Mainzer Bildhauer Peter Schroh (um 1485–1544) im Auftrag Kardinal Albrechts von Brandenburg (1490–1545) geschaffen und bewegen sich stilistisch zwischen Spätgotik und Renaissance. Zu den 17, ursprünglich wohl 18 Figuren gehören neben Christus und den Aposteln einschließlich Paulus der heilige Mauritius als Bistumspatron, die heilige Maria Magdalena, der heilige Erasmus (heute nicht mehr einsehbar) und ehemals vermutlich die heilige Ursula (heute verloren), ausgestattet jeweils mit Konsole, Baldachin und Baldachinfigur. Angebracht an den Pfeilern des Mittelschiffs, bleibt ihre äußerst detailreiche Ausgestaltung den Blicken der Besucherinnen und Besucher weitestgehend verborgen.

 

 

Eberhard Zwickers Fotografien zeigen die herausragende Qualität, mit der Schroh die Figuren ausarbeitete, von den lebendig wirkenden, faszinierend realitätsnahen Gesichtern hin zu dem bewegten Faltenwurf der Gewänder. Hervorstechend ist dabei die individuelle Gestaltung der Gesichtszüge, die vermuten lässt, dass Schroh nach realen Modellen arbeitete. Keine idealisierten Heiligenfiguren blicken einem hier entgegen, vielmehr vom Leben gezeichnete Gesichter mit spitzer Nase, in Falten gelegter Stirn, schmalen Wangen und energisch gelocktem Haar. Eine Warze findet sich auf der Wange des Apostel Paulus, Judas Thaddäus leicht geöffneter Mund gibt den Blick frei auf feine Zahnreihen. Zwicker gelingt es, über Perspektiven, Ausschnitt und Lichtführung, die Merkmale der Figuren weiter herauszuarbeiten: Das im Dreiviertelprofil aufgenommene Porträt des Apostels Simon unterstreicht dessen weiche Gesichtszüge und seinen nach innen gekehrten Blick, die stärker ins Profil gesetzten Aufnahmen von Johannes und Jakobus des Jüngeren arbeiten gekonnt die fein geschnittenen Physiognomien heraus, während das fast frontal aufgenommene Bildnis des Jakobus des Älteren den energisch-direkten Ausdruck des Apostels als direkte Ansprache an die Betrachter formuliert.

 

 

 

Weit über eine kunsthistorische Dokumentation hinausgehend, entstanden auf diese Weise ganz eigene Kunstwerke: Mit Licht modulierte Gesichtslandschaften, die als Porträts zur Versenkung anregen und Jahrhunderte überbrücken. Ein fotografischer Schatz, der an Walter Heges (1893–1955) Bildband „Der Naumburger Dom und seine Bildwerke“ (1925) sowie Alfred Ehrhardts (1901–1984) Aufnahmen der „Niederdeutschen Madonnen“ (1940) oder der Werke von Tilman Riemenschneider (um 1460–1531) erinnert und in der intensiven Lichtführung Helmar Lerskis (1871–1956) Porträtaufnahmen „Köpfe des Alltags“ (1931) wachruft.

In der Herausarbeitung der Materialität des Tuffsteins, der Blickachsen und Rahmungen sowie durch das dynamische Spiel mit Licht und Schatten finden sich zudem Anklänge an das Neue Sehen der 1920er Jahre. Nicht zuletzt wird hier die gegenseitige Bereicherung von Fotografie und Skulptur als Medien verdeutlicht.

 

Veranstaltungstipp

Einen spannenden Einblick in das Schaffen Eberhard Zwickers gibt Stefanie Wiesel in einer Führung zur Ausstellung.

Termine:

  • Samstag, 24. Juli 2021 | 17 Uhr
  • Mittwoch, 14. August 2021 | 17 Uhr

Bitte beachten Sie:

  • Die Teilnehmerzahl ist auf max. 10 Personen begrenzt. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich.
  • Während der Führung ist das Tragen einer medi­zi­ni­schen Mund-Na­sen-­Mas­ke bzw. einer Schutz­mas­ke der Klas­si­fi­zie­rung FFP2 oder gleich­wertig vorgeschrieben.

 

Gemeinsam mit der Domgemeinde und den Erben Eberhard Zwickers / KunstSCHÄTZEverlag freut sich das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), zum 750-jährigen Domjubiläum einen Einblick in dieses fantastische Werk geben zu können, das Eberhard Zwicker gemeinsam mit seiner Frau Katharina Zwicker, geb. Gareis (1920–2016) in den Nachkriegsjahren unter schwierigsten Umständen und trotz Materialknappheit, Minustemperaturen und Stromausfällen produzierte. In eindrücklichen Beschreibungen erinnerte sich Katharina Zwicker an diese eisigen Winternächte 1947 im Dom – dank dem Stadtmuseum Halle, das 2013 unter dem Titel „Gesichter der Renaissance“ Bildwerke von Eberhard Zwicker zeigte, können wir diesem Erfahrungsbericht nun online lauschen.

 

Erinnerungen an die eisigen Winternächte im Dom zu Halle (Saale), 1947

von Katharina Zwicker


Autorin: Katharina Zwicker, 2005
Sprecherin: Ina Meyer, Halle (Saale), 2013

© 2013 Stadtmuseum Halle und KunstSCHÄTZEverlag (als Rechteinhaber/ Vertreter der Autorin)

 

In über 150 Aufnahmen entstand so ein umfassendes Gesamtporträt des Apostelzyklus, darunter Nahaufnahmen, Halb- und Ganzfigurenporträts, Details und Bilder der Baldachinfiguren. Es ist ein fotografisches Großprojekt, dem die tiefgreifende Faszination für Schrohs Figuren eingeschrieben ist und aus dem nun erstmalig einzelne Arbeiten in direkter Korrespondenz mit den Originalskulpturen zu sehen sind.

Dass der Kontakt auf Augenhöhe auch heute noch zu faszinieren vermag, davon zeugt auch ein Projekt von zwei Studentinnen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, die als Teil der Präsentation zum Domjubiläum eigene Ganzkörperaufnahmen des Figurenzyklus zeigten. In Kombination mit den Originalen ergab sich ein wunderbares Wechselspiel, das es erlaubte, den Blick zwischen Nähe und Distanz hin- und herwandern zu lassen.

Bis zum 15. August 2021 können die beeindruckenden Aufnahmen Zwickers noch zu den Öffnungszeiten im Dom bestaunt werden.

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