20. März 2020

Frühlingsanfang im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

#closedbutopen

Festzimmer der Halloren | Deckenmalerei mit allegorischem Gemälde des Frühlings

Anstelle des in Richtung Marktplatz ausgerichteten Südflügels der Moritzburg wurde 1904 das sogenannte Talamt baulich fertiggestellt. Hierbei handelt es sich um einen historisierenden Nachbau des Sitzes des Salzgrafen der Hallorenbrüderschaft.

Es war bis 1920 der zweite Standort des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) neben dem Gründungsstandort am Großen Berlin.

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Eine Rarität manieristischer Innenraumgestaltung in Mitteldeutschland ist das Festzimmer mit seiner original erhaltenen Vertäfelung und den eingesetzten Gemälden, sogenannten quadri riportati, Italienisch für „vorgetragene Bilder“, d. h. Leinwand- oder Holztafelgemälde, die in aufwendig gestaltete Wand- und Deckenverkleidungen mit Ornamentrahmen eingesetzt sind.

Viele der Darstellungen gehen auf Vorlagen des niederländischen Malers und Grafikers Hendrick Goltzius (1558–1617) zurück.

 

So auch die allegorische Darstellung des Frühlings, den wir heute, zum kalendarischen Frühlingsanfang, vorstellen. Allegorien sind Darstellungen abstrakter Begriffe in Form von Menschen mit Attributen, typischen Gegenständen, mit denen sie agieren, um das Thema des Darzustellenden bildlich zu machen.

Goltzius, der vor mehr als 400 Jahren in Haarlem starb, war einer der bedeutendsten Künstler des sogenannten Manierismus, der Spätphase des Barock, die gekennzeichnet ist durch überlängte Figuren und exaltierte, besonders artifizielle Posen und in der Malerei durch eine besonders intensive Farbigkeit.

 

Die Decke des Festzimmers der Halloren, das um 1616 fertiggestellt wurde, also um die Zeit des Todes von Goltzius, zeigt auf vier Gemälden die vier Jahreszeiten. Sie entstanden nach Vorlagen des niederländischen Künstlers. Die konkreten Vorlagen waren Kupferstiche von Jakob Matham (1571–1631), Stiefsohn und Schüler von Goltzius. Er stach zahlreiche zeichnerische Entwürfe des Meisters in Kupfer, die auf diese Weise bei den Zeitgenossen eine große Verbreitung fanden – offenbar bis in den mitteldeutschen Raum nach Halle (Saale).

Die Vorlagen für die vier Jahreszeiten-Darstellungen an der Decke des Festzimmers der Halloren stammen aus der Serie Mythologische Themen – acht Kupferstiche, die Jakob Matham 1588 nach Entwürfen von Goltzius veröffentlichte.

 

Das zweite Blatt der Serie zeigt die allegorische Darstellung der Fünf Sinne. Jede der in einem Tal sitzenden fünf nackten Frauenfiguren stellt einen Sinn dar: rechts der Geruchssinn – eine Frau, die an einer Blume riecht; im Vordergrund der Geschmackssinn – eine Frau, die einen Apfel isst; links der Hörsinn – eine Frau, die auf einer Gambe, dem Vorläufer unseres Cellos, spielt; im Zentrum oben der Sehsinn – eine Frau, die in einen Spiegel schaut; oben links der Tastsinn – eine fliegende Frau, die von einer Schlange gebissen wird.

Für die Darstellung des Frühlings wählte der unbekannte Künstler, der das Gemälde für das Festzimmer der Halloren schuf, den Ausschnitt der beiden Frauenfiguren in der rechten vorderen Hälfte, die den Geruchs- und den Geschmackssinn darstellen. Er behielt die Komposition der Vorlage bis in die Details der Körperhaltung der beiden Figuren und des Berges im Hintergrund bei und änderte lediglich die dargestellten Blumen, die er unserer Region anpasste.

2016 zeigte das Kunstmuseum Basel anlässlich des 400. Todestages von Hendrick Goltzius die Ausstellung  Bestechend gestochen. Das Unternehmen Hendrick Goltzius.

Weitere Informationen zur Ausstellung

Rezension der Ausstellung im Schweizerischen Rundfunk

Mehr über Hendrick Goltzius im Blog des Städel Museums

Wenn wir wieder geöffnet haben, ist das Talamt als Teil des Ausstellungsrundgangs durch das Museum zu den bekannten Öffnungszeiten zu erleben – und für jeden Besucher eine Überraschung, denn aus den modernen Museumsräumen des 21. Jahrhunderts kommend, rechnet man nicht mit dieser Pracht manieristischer Innenraumgestaltung.

Ein noch viel zu wenig bekanntes Kleinod unserer mitteldeutschen Kunst- und Kulturgeschichte.