04. September 2020

Nicht nur in der freien Natur – Wildtiere im Museum

Der 4. September steht im Zeichen des Wildtieres - jedenfalls in den USA wird an diesem Tag der National Wildlife Day (Tag der Wildtiere) begangen. Er wurde 2005 von der Tierverhaltensforscherin Colleen Paige gegründet, um auf die vom Aussterben bedrohten (Wild-)Tierarten hinzuweisen und auf den rasanten Verlust der Lebensräume von Wildtieren weltweit aufmerksam zu machen. Auch die Vereinten Nationen haben sich dieses wichtigen Themas angenommen und hatten für das Jahr 2010 das International Year of Biodiversity (Internationales Jahr der biologischen Vielfalt) ausgerufen. Die Lettiner Porzellanmanufaktur brachte auf dieses Ereignis eine Porzellanmedaille heraus, die von Nadia Budde (*1967) entworfen worden war und auf der Vorderseite einen Gorilla, eine Schildkröte und einen Delfin zeigt.

Das Tier faszinierte schon in prähistorischer Zeit den Menschen, sodass er sich dessen Abbild schuf, wie etwa die beeindruckenden und farbintensiven frankokantabrischen Höhlenmalereien und -ritzungen von Lascaux, Altamira, Rouffignac bezeugen, die teilweise bis in die Altsteinzeit zurückreichen.

Animierter Rundgang durch die Höhle von Lascaux

 

In der Kunst des Mittelalters tritt das Tier vor allem in ikonografischen und symbolischen Zusammenhängen auf (Sündenfall, Arche Noah, Evangelistensymbole, Der Heilige Franz von Assisi). Dabei kommt ihm, anders als dem Menschen, keine autonome Bedeutung als „es selbst“ zu, sondern es dient sowohl der erzählerischen Bereicherung etwa von Heiligenlegenden oder steht als Attribut dem Heiligen bei oder sogar symbolhaft für ihn.

In der Numismatik spiegelt das Tier im Münzbild den Macht- und Herrschaftsanspruch des jeweiligen Herrschers wider, wie es etwa die Münzen zeigen, die der Welfen-Herzog Heinrich (um 1129/30 oder 1133/35–6. August 1195) prägen ließ, nachdem er zu seinem sächsischen auch das bayerische Herzogtum erhielt und ihm auf dem Hoftag zu Regensburg 1156 ein neuer Name zugeeignet wurde: „Heinrich der Löwe“ (Et creatum est ei nomen novum: Heinricus Leo, dux Bavariae et Saxoniae.)

Diese Sicht des Tieres und seiner Stellung zum Menschen ändert sich schlagartig in der Kunst der Renaissance. Eines der ersten Dokumente ist Albrecht Dürers (1471–1528) Kupferstich des Hl. Eustachius, bei dem gerade die Darstellung der zahlreichen Hunde in vereinzelten und unterschiedlichen, aber artspezifischen Posen im Sehen „um ihrer selbst willen“ wahrgenommen und wiedergegeben wurden. Das Tier tritt in seiner Erscheinung dem Menschen gleichrangig gegenüber. So bildete sich neben der Historienmalerei, Landschaftsmalerei oder dem Porträt auch die Tiermalerei als ein wichtiges Genre heraus.

Bereits in der Renaissance wurden Elefanten zu Repräsentationszwecken eingesetzt. So schenkte 1514 der portugiesische König Manuel I. (1469–1521) in einer pompösen Zeremonie Papst Leo X. (1475–1521) den Elefanten Hanno. Dies blieb kein Einzelfall; auch im 17. Jahrhundert wurden Elefanten als repräsentative Gaben an Herrscher verschenkt. Da die Tiere zu Fuß quer durch Europa geführt wurden, stellten ihre menschlichen Begleiter sie auf der Reise mitunter zur Schau, um die Rechnungen für Unterkunft und Futter des Elefanten zu finanzieren. Auch in Halle (Saale), unweit der Moritzburg, wurde ein „Elephahnt aus Indien und Niederland, weiblichen Geschlechts, etwa von 20. oder 30 Jahren, anhero bracht, zu Hofe und auf dem Zeughause spielend gesehen“, wie Johann Christian Olearius (1646–1699) in seiner Halygraphia für den 27. Dezember des Jahres 1649 berichtet.

Mit den wandernden Tierschauen im 18. Jahrhundert und den im 19. Jahrhundert gegründeten Zoologischen Gärten wurde das Interesse an den Tieren bei den Menschen und auch bei den Künstlern verstärkt geweckt. Nicht nur das Tier selbst studierten die Künstler akribisch, auch die Atmosphäre des urbanen Paradieses reflektierten sie.

 

Kein anderer Maler aber hat sich mit dem (Wild-)Tier und der Natur des Tieres so intensiv auseinandergesetzt, wie Franz Marc (1880–1916) – sowohl in der Malerei und Druckgrafik, als auch in der Plastik. Mittels umfangreicher Tierstudien, gezeichnet in der Natur und in Zoologischen Gärten, sowie anatomischer Studien verinnerlichte er die arttypische Physiognomie und den Bewegungsablauf von unterschiedlichen Tieren.

 

Ich empfand schon sehr früh den Menschen als ‚häßlich‘; das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel Gefühlswidriges und Häßliches, so daß meine Darstellung instinktiv, (aus einem inneren Zwang) immer schematischer, abstrakter wurde.

Franz Marc an seine Frau Maria Marc, 12. April 1915

Eines der bedeutendsten und ergreifendsten Gemälde des Malers sind die Tierschicksale, die sich bis 1937 im halleschen Museum befunden haben. Es zeigt in einer apokalyptischen Umgebung im Zentrum ein sich unter einem fallenden Baumstamm aufbäumendes Reh. Weitere Tiere erleben das Schicksal des Rehs gleichzeitig und geben ihren Ur-Instinkten nach. Die Füchse drängen sich witternd zusammen, die Wildschweine wühlen sich in die Erde, Fohlen und Stute versuchen zu fliehen. Die expressive Gestaltung und eruptive Dynamik des Bildes wurde 1915 von Franz Marc selbst als Vorahnung des Krieges empfunden, wie er seiner Frau Maria am 17. März 1915 aus dem Ersten Weltkrieg schrieb, nachdem er eine Fotografie des Gemäldes dort in den Händen hielt. Für Marc bedeutete der Krieg Läuterung und notwendige Überwindung des materialistisch eingestellten 19. Jahrhunderts in ein neues geistiges Europa.

 

Aber auch die Biografie des Bildes selbst wird zu dessen Schicksal. Denn nachdem Franz Marc am 4. März 1916 bei Verdun gefallen war, war das Bild nach der Franz-Marc-Gedächtnis-Ausstellung in Berlin in ein Lager gebracht worden, wo es bei einem nächtlichen Brand im Januar 1917 zu einem Drittel zerstört wurde. Marcs Freund Paul Klee (1879–1940) restaurierte das Gemälde nach dem Krieg und ergänzte die Fehlstellen in transparenten Brauntönen.

1930 konnte der Ankauf des Gemäldes für das hallesche Museum durch Alois Schardt (1889–1955) realisiert werden, der das Werk außerordentlich schätzte. In seiner 1936 erschienenen Franz Marc-Monografie formuliert er in Hinblick auf die Darstellung des Rehs: „Nur das gläubige Wesen kann die Welt erretten, weil es das einzige ist, das zu opfern vermag. Opfern aus freien Stücken, heißt von der Ewigkeit des Seins überzeugt sein. Es ist sein Vermächtnis, das der Maler hier niederlegte, das Bekenntnis des geistigen Menschen zur Ewigkeit des Geistes.“

Das Gemälde gehörte, bis es 1937 in der Aktion „Entartete Kunst“ von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde, zu den wichtigsten Werken der halleschen Museumssammlung. Nach der Beschlagnahme wurde es 1939 vom Kunstmuseum Basel gekauft und gehört seitdem dort zu den wichtigsten Werken.