16. September 2022

Imperiale Kontinuitäten in der russischen Politik: Der Vertrag von Perejaslaw in der sowjetischen Medaillenkunst

 

Im Jahr 1721 geschah im zaristischen Russland etwas, das zunächst als Öffnung zum europäischen Westen hin gedeutet werden konnte. Peter der Große gab sich, nach fast 40 Jahren Regierungszeit, den europäischen Titel des Imperators und formte damit das bis dahin zaristische Reich zu einem Imperium. Daraufhin entbrannte eine innenpolitische Debatte darüber, was dies eigentlich für das Reich und das russische Wesen an sich bedeuten könne. Auf schmerzliche Weise, betrachtet man allein die jüngsten Aggressionen und den Angriffskrieg auf die Ukraine, sollte sich in dieser Fragestellung eine Behauptung bzw. ein Weltbild durchsetzen, das u. a. der panslawistische Politiker Nikolai Jakowlewitsch Danilewski im späten 19. Jahrhundert betonte. Danilewski zufolge sei es unmöglich, Russland die Bildung von Kolonien vorzuwerfen, da alle Länder, die ringsherum lägen, von Natur aus zur russischen Einheit gehören würden. Nicht umsonst wird Danilewski bis heute von russischen Präsidenten zitiert, zuletzt wiederholt von Wladimir Putin, der mit derlei Ansichten seinen Angriff auf die Ukraine rechtfertigte.

Im heutigen Blog-Beitrag betrachten wir die Kontinuitäten des panslawistischen Weltbildes, das seine Spuren in der sowjetischen Medaillenkunst hinterlassen hat. Vielerlei Exemplare sind in der Sammlung des Landesmünzkabinettes am Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) erhalten. Betrachtet werden soll hier allerdings eine Medaille aus dem Jahr 1954.

Zu sehen ist eine kleine Kupfermedaille mit 50 mm Durchmesser. Gestaltet wurde sie von drei verschiedenen Medailleuren der Leningrader Münze, V. M. Akimushkina, A. I. Reznichenko und I. P. Khotinok. Sie ist zweiseitig mit dreidimensionalen Darstellungen versehen. Die dargestellten Ereignisse „erinnern“ in ihrer Umschrift an eine 300-jährige „Wiedervereinigung“ der Ukraine mit Russland. Gemeint ist hierbei die Vertragsschließung von Perejaslaw im Januar 1654. Damals schlossen sich aufständische Kosaken, die sich gegen polnische Machtansprüche wehrten, in der Stadt Perejaslaw zu einem Rat zusammen und leisteten in Anwesenheit des russischen Bojaren Wassili Buturlin einen Treueeid auf Zar Alexei I.

 

Medaille zum 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland, Vorderseite, Kosaken mit Bojaren, Umschrift in Ukrainisch und Russisch, Gestaltung: V. M. Akimushkina / A. I. Reznichenko / I. P. Khotinok, Bronze, Umfang 50 mm, 76,93 Gramm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lennart Rödding

 

Auf der Medaille ist die Schließung des Vertrages dargestellt. Die Umschrift erfolgt sowohl auf Russisch als auch auf Ukrainisch, was eine Gleichberechtigung und Zweisamkeit betonen soll. Rückseitig sind ebenfalls sowohl die russische als auch die ukrainische Seite porträtiert, welche sich „brüderlich“ die Hände reichen, personifiziert durch die Darstellung von Bohdan Chmelnyzkyj, damals kosakischer Heerführer, und dem besagten Bojaren Wassili Buturlin. Umringt sind sie von ihren jeweiligen Gefolgsleuten. Erkennbar sind die Personen an ihren Trachten und den markant dargestellten Gesichtszügen. Auf der Vorderseite sollen Freundschaft und Brüderlichkeit abermals betont werden. Hier sind es allerdings nur vier Personen, die zu sehen sind. Die ukrainische Seite wird wieder in traditioneller Tracht dargestellt, während die russische Seite durch einen Mann im modernen Anzug repräsentiert wird. Zu den jeweiligen Seiten steht je eine Person in soldatischer Kleidung der Zeit um 1654, jedoch ohne Bewaffnung, sondern mit Geräten zur Feldarbeit. Wer sich hier an eine berühmte DDR-Parole erinnert fühlt, liegt ganz richtig, denn der permanente freiwillige Frieden wird hier durch die Bäuerlichkeit der beiden Soldaten abermals betont. Im unteren Vordergrund ist das Wappen der Ukrainischen SSR zu erkennen, während hinter den beiden Protagonisten die Mauern des Moskauer Kreml aufragen.

 

Medaille zum 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland, Rückseite, Verbrüderung der Völker, Umschrift in Ukrainisch und Russisch, Gestaltung: V. M. Akimushkina / A. I. Reznichenko / I. P. Khotinok, Bronze, Umfang 50 mm, 76,93 Gramm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lennart Rödding

 

Der historische Hintergrund, welcher zum Vertragsabschluss von Perejaslaw führte, war die Herrschaft des Königreichs Polen-Litauen, welche seit 1569 das Gebiet der heutigen Ukraine beinhaltete und zu einer starken Diskriminierung der ruthenischen (ukrainischen) Bevölkerung geführt hatte. Die saporogischen Kosaken verbanden sich unter Bohdan Chmelnyzkyj, dem Hetman der Kosaken, zu einer einheitlichen Bewegung und es kam daraufhin zum „Chmelnyzkyj-Aufstand“, welcher von 1648 bis 1657 andauerte. Im Zuge der Kämpfe kam es allerdings auch zu einer Vielzahl antisemitischer Pogrome, da jüdischen Kaufleuten oft Kollaboration mit dem polnisch-litauischen Adel unterstellt wurde. Jenseits dieser Gräuel erhoffte man sich vom russischen Zaren Alexej I. militärische Unterstützung. Der Zar wurde vertraglich zur Kriegserklärung gegen Polen-Litauen verpflichtet. Dieser kam dem nach und eröffnete den Russisch-Polnischen Krieg, welcher bis 1667 andauern und erst mit der Pattsituation im „Ewigen Frieden“ von 1686 tatsächlich enden sollte. Die Ereignisse stehen dabei beispielhaft für die langwierige Rivalität um die ruthenischen Gebiete.

In der Geschichtsschreibung beider Länder sind die Ereignisse von Perejaslaw ganz unterschiedlich ausgelegt worden. Während man sich in Russland ganz an der bürgerlichen vorrevolutionären Geschichtsschreibung orientierte und den Vertrag als Aufhebung der „unnatürlichen“ Trennung ansah, war man in der Ukraine durchaus der Ansicht, dass die Kosaken in Perejaslaw betrogen wurden, da die Vertragsschließung als zeitlich begrenzt betrachtet angesehen wurde. Die Formierung der Ukraine zu einem zaristisch imperialen Vasallen sei daher vertragswidrig gewesen. Unter Betrachtung der Ereignisse seit 2014 ist es fast zynisch, dass der sowjetische Premier Nikita Chruschtschow ausgerechnet zum Anlass der 300. Jahresfeier von Perejaslaw der damaligen Ukrainischen SSR die Halbsinsel Krim als Geschenk gab, als Betonung des Friedens und der Brüderlichkeit.

Die Medaille ist natürlich keineswegs das einzige Beweisstück für die, aus heutiger Sicht gesehen, fragwürdige Haltung der UdSSR zur Frage von Perejaslaw. Das Ereignis wurde 1954 mit einer Festschrift des Politbüros in der Propaganda des Staates fest verankert und bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. So haben sich Postkarten, Anstecker, militärische Orden und Gemälde aus diesem Jahr erhalten, welche allesamt an die Ereignisse im Sinne der vorgegebenen Geschichtsschreibung erinnern sollten. Somit ist die Medaille kein Einzelstück, sondern vielmehr ein propagandistisches Massenprodukt.

Diese Medaille teilt sich ihr Schicksal mit einer Vielzahl anderer Exemplare der sowjetischen Medaillenkunst. Für nahezu jeden sowjetischen Teilstaat gab es entsprechende Stücke, die entweder von einem „freiwilligen Beitritt“ oder einer längst überfälligen „Wiedervereinigung“ sprachen. Dass die entsprechenden Ereignisse allesamt weniger mit Freiwilligkeit, sondern vielmehr mit Zwang verknüpft waren, wird dabei selbstredend verschwiegen – eine politische Grundhaltung, die sich exemplarisch im Angriffskrieg auf die Ukraine wiederholt. Es scheint ganz so zu sein, dass seit 1721 der gleiche imperiale Anspruch die russische Außenpolitik bestimmt: Alle Nachbarn gehören zu einem russischen Staat und eigentlich würden sie auch gerne alle dazu gehören. Mit dieser außenpolitischen Grundhaltung ist es natürlich einfach, sich als „Retter“ eben jener Staaten zu präsentieren. Da wird ein barbarischer und völkerrechtswidriger Angriffskrieg schnell zur „militärischen Spezialoperation“.

Medaillen wie die von Perejaslaw können heute dazu dienen, solche Propaganda zu entlarven und über die Jahrzehnte hinweg als Mahnmale zu dienen. Die Medaille ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich politische Vorstellungen von staatlicher Seite aus in der Medaillenkunst niederschlagen können und und öffnet den Blick auf das wahre Gesicht und die Ziele von derlei Propaganda.