28. März 2020

Das Rad für den Dreh
mit der Zeit

#closedbutopen

Heute Nacht werden unsere Uhren auf Sommerzeit vorgestellt. Für uns ein Anlass, ein ganz besonderes Stück aus unserer Ausstellung zu zeigen und die Geschichte dahinter zu erzählen: die alte Sanduhr im Gerichtszimmer des Talamtes.

 

 

Die kostbare Innenarchitektur des 1594 entstandenen Gerichtszimmers des halleschen Talgerichtes gilt als das Hauptwerk der lokalen Kunsttischlerei der Renaissance. Prachtvoll ist die Ausgestaltung des Erkers. Farbige Intarsien mit Scheinperspektiven und Reliefschnitzereien sind vermutlich das Werk von Augustin Stellwagen. Die neben den Plätzen der Richter im Erker des Raumes installierte vierfache Sanduhr maß die Redezeiten in den Verfahren von der Achtel- bis zur ganzen Stunde in den jeweiligen Glaskolben. Eine gerichtliche Praxis, die bereits zu Zeiten von Sokrates (5. Jh. v. Chr.) belegt ist.

 

Die Sanduhr stammt aus einer Leipziger Werkstatt, wie kürzlich Lothar Hasselmeyer feststellte. Ihre Elemente sind typisch für die Uhren der Meister David Hartwich (1612–66) und Jacobus Hartmann (tätig ab um 1655, gest. 1737). Vermutlich wurde die im 17. Jahrhundert aus Holz, Pappe und Glas gefertigte Uhr im 18. Jahrhundert repariert und ergänzt. Die im späten 20. Jahrhundert nur noch teilweise erhaltene Uhr wurde 1998 aufwändig restauriert.

Sanduhren wurden nicht nur als Messer der Redezeit in Gerichten, Rathäusern und Kirchen eingesetzt, sie dienten auch zur Zeitmessung in der Seefahrt, zum Kochen der Eier oder sind Benutzern des Betriebssystems Windows als regelmäßiges Unterhaltungselement im Arbeitsablauf sicherlich gut in Erinnerung.

Die Zeit wurde bereits in den ältesten Zivilisationen gemessen. Dazu dienten der Schatten der Sonne, der reglementierte Abfluss von Wasser oder Sand, die Menge des verbrannten Öls und andere Hilfsmittel. Auf mechanische Uhren weist ein Vers von Dante Alighieri (1265–1321) in seiner Göttlichen Komödie (Erstdruck 1472) hin: „Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder tun, in voller Eil zu fliegen scheint das letzte, das erste scheint, wenn man´s beschaut, zu ruhen.“ Die entscheidende Erfindung war das Zahnrad, dessen Bewegung über eine Spindelwelle übersetzt und durch eine Hemmung geregelt wurde.

Uhren waren in der Vergangenheit nicht nur ein wichtiges Statussymbol der Aristokratie, sondern ermöglichten ein vom Ort unabhängiges Zeitmanagement. Martin Luther (1483–1546) wertete deshalb die tragbare mechanische Uhr als eine der wichtigsten menschlichen Erfindungen überhaupt (Tischreden WATR 1, 523, Nr. 1036). Im Zeitalter der Aufklärung wurde die Uhr zur „Leitmaschine“ der mechanistischen Weltsicht. Sie gewann eine dreifache Bedeutung: als philosophisches Denkmodell, als wissenschaftliches Instrument und als gesellschaftliches Koordinierungsmittel. Als Symbol des Lebens beschrieb sie Ernst Jünger (1895–1998) in seinem Sanduhrbuch (1954).

 

 

Am Rad der Zeit zu drehen, ist für uns im Museum immer wieder ein besonders feierlicher Moment. Die Sanduhr im Gerichtszimmer, in einem runden Metallreif montiert, wird zweimal im Jahr ganz vorsichtig und nur unter fachlicher Aufsicht gedreht, damit sich der feinkörnige Sand bewegt und die Gewichtsverteilung in der Konstruktion wieder entspannen kann.

Es würde nicht zu uns passen, wenn wir einrosteten. Allen einen guten Start in die Sommerzeit!