25. Juli 2021

Die Restaurierung des Rothenschirmbacher Altars

Teil VII: Er ist dann mal hier …

 

Spätestens seit Hape Kerkeling 2006 sein Buch „Ich bin dann mal weg“ veröffentlichte und damit einen großen Medienerfolg erzielte, hat der Camino de Santiago, der Jakobsweg, auch in unserem postreligiösen Zeitalter an Popularität gewonnen. Zahlreiche Bücher berichten von den persönlichen Beweggründen und Erfahrungen, Reiseliteratur gibt nützliche Tipps, Videos im Internet wollen Teilhabe vermitteln.

Weitere Informationen zum Pilgern auf dem Jakobsweg

 

 

Der Camino bietet eine echte, fast vergessene Möglichkeit, sich zu stellen. Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen.

Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Restlos. Und er baut dich wieder auf. Gründlich. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück.

Du musst ihn alleine gehen, sonst gibt er seine Geheimnisse nicht preis. Ich muss vor allem an die denken, die diesen Weg nicht gehen können, und ihnen sei versichert: Dieser Weg ist nur eine von unendlichen Möglichkeiten. Der Camino ist nicht einer, sondern tausend Wege, aber jedem stellt er nur eine Frage:

Wer bist du?


 
 Hape Kerkeling 

 

Seit mehr als tausend Jahren pilgern auf diesem und anderen Wegen Menschen nach Santiago de Compostela durch ganz Europa zum Grab des heiligen Jakobus, des spanischen Nationalheiligen Iago, Tiago, auf dem Sternenfeld (d. i. Compostela) und zu der Kathedrale, die über seinem Grab errichtet wurde. Die Pilgerwege nach Santiago sind gesäumt von größeren und kleineren Kirchen, in denen die Pilgernden Station machen können und in früheren Jahrhunderten, bei einer Menge von mehreren Hunderttausenden Pilgern etwa im 12. und 13. Jahrhundert, auch übernachten konnten. Manche von ihnen sind mit einem Jakobsfenster versehen, oft in der runden oder ovalen Form eines „Oculus“ (lat: „Auge“), durch das am Tag des Heiligen, dem 25. Juli, das Licht zu einer bestimmten Morgenstunde auf den Altar trifft und den Aufbruch signalisiert. Die Jakobsmuschel weist den Weg, sie ist heute die offizielle Orientierung auf dem Camino Frances.

Diese großen Kammmuscheln, die Pecten jacobaeus, auch als „Pilgermuscheln“ bezeichnet, leben im Mittelmeer und als größere Art an der gesamten atlantischen Küste. Leicht zu erraten, dass auch sie dem heiligen Jakob ihren Namen verdanken: Als sein Leichnam, so berichtet die Legende, in einem Boot in Galicien angeschwemmt wurde, soll er vollkommen von diesen Muscheln bedeckt gewesen sein. Die Feinschmecker wissen sie auch aus hedonistischen Gründen zu schätzen – sie gehören zu den schmackhaftesten Muscheln und lassen sich auf vielerlei Art zubereiten.

 

 

Zum Symbol der Pilger wurde die Jakobsmuschel bereits im Mittelalter. Sie diente zum Wasserschöpfen unterwegs. Zudem bestätigte sie, dass der Pilger wirklich sein Ziel erreicht hatte, ja sogar noch von Santiago de Compostela etwa 60 km weiter zum Cap Finisterre gelaufen war und dort eine Muschel aus dem Meer gefischt hatte, wo das Boot mit dem Leichnam des Heiligen gelandet sein soll. Die Muschel bedeutete mehr als einen Schmuck am Hut oder am Gürtel, mehr als ein schönes Souvenir oder eine hübsche Erinnerung. Sie sicherte dem Pilger Ansehen in seiner Heimat, in der Kirche und wohl auch vor dem Jüngsten Gericht, vor das alle Seelen gerufen werden würden – nicht selten wurde sie mit ins Grab gelegt.

Obwohl Jakobus Patron und Nationalheiliger von Spanien ist, gehört sein Wirken dort – er soll nach der Aussendung der Jünger durch den auferstandenen Christus in Spanien gepredigt haben – in das Reich der Legenden. In der Apostelgeschichte wird über ihn nur berichtet, dass er mit seinem jüngeren Bruder Johannes, beide Söhne des Fischers Zebedäus am See Genezareth, zu den ersten Jüngern gehörte, die Jesus berief. Auch ihre Schwester Salome folgte Jesus gemeinsam mit anderen Frauen, die ihn begleiteten. Johannes und Jakobus standen neben Petrus Jesus offenbar besonders nahe. Nach dem Evangelisten Matthäus erlebten diese drei Jünger Jesu Verklärung auf einem nicht näher bezeichneten Berg, zu dem er sie mitnahm, und sie waren es auch, die er vor seiner Passion bat, mit ihm in den Garten Gethsemane zu kommen und zu wachen, während er betete. Sie fielen jedoch alle drei in einen tiefen Schlaf und flohen, als die Wachen erschienen, um Jesus gefangen zu nehmen und vor Gericht zu bringen. Die Gruppe dieser drei schlafenden Jünger – Petrus, Jakobus und Johannes – wird häufig in der christlichen Kunst dargestellt. Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) besitzt einen solchen „Ölberg“. Wie andere dieser skulpturalen Gruppen könnte er neben einem Kirchenportal der alten Kirche St. Ulrich in Halle unter einem kleinen Dach gestanden haben. Diese Vorbauten waren auch dafür gedacht, dass dort Bettler und Obdachlose einen gewissen Schutz finden konnten.

 

Magdeburger Werkstatt: Ölberggruppe aus der ehemaligen Ulrichskirche in Halle (Saale), Anfang 16. Jh., Sandstein, 85 x 180 x 70 cm, Foto: Reinhard Hentze

Weiter wird von Jakobus berichtet, dass er als erster der Jünger unter dem König Herodes Agrippa I., der durch Rom eingesetzt worden war und von 41 – bis 44 in Judäa regierte, hingerichtet wurde, nachdem er wahrscheinlich in der Gegend um Samaria (heute Shomron in Israel) missioniert und geheilt hatte. Er soll den Zauberer Hermogenes von Dämonen befreit und seine Zauberbücher ins Meer geworfen haben. Auf seinem Weg zur Richtstätte heilte er einen Lahmen und bekehrte Josia, der ihn gefesselt hatte. Die Legende behauptet, dass nach seiner Enthauptung die anderen Jünger seinen Leichnam einem unbemannten Schiff übergaben, das in Spanien in Galicien anlandete, und dass er weiter im Landesinneren begraben wurde, sein Grab jedoch in Vergessenheit geriet. Auf dem „Sternenfeld“ (Compostela), einer vorchristlichen Nekropole, soll er sich dem Eremiten Pelagius offenbart haben.

Die älteste Quelle, die ihn in Spanien erwähnt, stammt aus der Zeit um 600. Im 8. Jahrhundert wird er als Patron und Beschützer Spaniens genannt, im 9. Jahrhundert wird von der Entdeckung seines Grabes unter König Alfons II. berichtet. 813 wurde mit dem Bau einer Wallfahrtskirche in Santiago de Compostela begonnen, wohin am 25. Juli 816 seine Reliquien überführt wurden. Die Kirche wurde 870 geweiht. Heute ist die gewaltige Kathedrale (Baubeginn 1075) das Ziel aller Pilger.

Doch Legenden und Traditionen können nicht verbergen, dass die Verbreitung der christlichen Ideen oft genug mit Kriegen und Machtansprüchen einherging. Der heilige Jakobus wurde gegen die Araber, die immer wieder nach Spanien eindrangen, zum Helfer der christlichen Herrscher. Die „Historia Karoli Magni et Rotholandi“ etwa berichtet , dass der Heilige Karl den Großen (747/748–814, König und seit 800 Kaiser des Fränkischen Reiches) zum Feldzug nach Spanien und zum Kampf gegen die Sarazenen aufforderte:

 

 

Du hast am Himmel die Sternenstraße gesehen
und das bedeutet,
dass du an der Spitze eines mächtigen Heeres
nach Galicien ziehen wirst,
und dass gleich dir
alle Völker dorthin pilgern werden,
bis zum Ende der Zeiten.

Ich werde an deiner Seite stehen
und als Belohnung für alle deine Mühen
von Gott das Paradies für dich erwirken.
Dein Name wird im Gedächtnis der Völker
nicht ausgelöscht werden,
so lange die Welt besteht.


 

 

Die „Historia“ entstand allerdings erst im 12. Jahrhundert, ihre ersten fünf Kapitel, die von der Eroberung Santiago de Compostelas durch Karl den Großen berichten, wurden möglicherweise von einem dortigen Mönch verfasst. Auch bildliche Darstellungen bezeugen diese Legende: Auf einem Dachrelief des Aachener Karlsschreins von 1215 etwa wird dargestellt, wie Jakobus der Ältere Karl dem Großen im Traum den Sternenweg zeigt und ihm prophezeit, dass er einen Feldzug nach Galicien unternehmen werde.

Santiago de Compostela wurde seit dem 10. Jahrhundert, gefördert von den zisterziensischen Reformen, zum bedeutendsten Wallfahrtsort. Politisch hatte es große Bedeutung als geistliches Machtzentrum des christlichen Europa gegen die arabischen „Mauren“, die im Mittelalter nach Spanien drängten. Jakobus wurde zum Patron der Reformorden, der christlichen Ritter und der Pilger. Auch heute sind die gewaltige Kathedrale und die häufig dort stattfindenden Gottesdienste das Ziel der meisten Pilger, woher, wie und aus welchen Gründen auch immer sie gekommen sind. Vornehme Spanier etwa pilgern noch immer auf ihren edlen Pferden nach Santiago und reiten bis vor das Hauptportal der Kirche; junge Leute mit Rucksäcken ziehen von Pilgerherberge zu Pilgerherberge, treffen sich in den kleinen Orten und sitzen am Nachmittag in Gruppen und Grüppchen schwatzend, Gitarre spielend und singend auf den Plätzen und in den Parks. Alle Apotheken unterwegs sind bestens ausgestattet mit Manschetten für jedes Körpergelenk, mit Blasen- und Wärmepflastern, Salben und mit einer geduldigen Freundlichkeit, die jede Sprache und Zeichensprache letztlich richtig zu deuten und den schmerzenden Stellen Linderung zu schaffen versteht. Denn schließlich leben viele Geschäfte und Geschäftsleute am Jakobsweg, wie schon seit Jahrhunderten ihre Vorfahren und Vorgänger, von den Pilgern.

Mit Jerusalem und Rom gehört Santiago de Compostela zu den drei bedeutendsten christlichen Wallfahrtsorten der Welt. Auch in Jerusalem wurde dem Apostel eine Kirche erbaut, die dort steht, wo sein Martyrium stattgefunden haben soll. Seine Gebeine sollen im Jahr 70 in das Jakobskloster auf dem Sinai, das später zum Katharinenkloster wurde, überführt worden sein.

 

 

Der heilige Jakobus ist einer der am häufigsten dargestellten Heiligen, er säumt nicht nur die Pilgerwege. Da sich jeder Christ als irdischer Pilger auf dem Weg zum Himmelreich versteht, ist er dafür Vermittler, Sinnbild und Erinnerungsfigur – ein volkstümlicher Heiliger, ein Mann, wie er einem in früheren Jahrhunderten durchaus auf den Straßen begegnen konnte. Meist wird er als älterer Mann mit vollem Bart dargestellt, als Pilger im Mantel mit Stab und Hut, an den eine Kammmuschel geheftet ist, und ist deshalb unter den anderen Heiligen leicht zu erkennen. Manche Darstellungen zeigen ihn jedoch auch als Ritter.

 

 

Im Rothenschirmbacher Altar im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) steht der Heilige in seiner häufigen Erscheinung als älterer Mann und mit wallendem, dichten Bart mit Mantel und Hut, an dessen Krempe die Jakobsmuschel befestigt ist, im rechten Flügel innen in der oberen Reihe. Sein Pilgerstab, den er wohl in der linken Hand hielt, ging wahrscheinlich zusammen mit den Händen der Figur verloren.

 




Es kommt niemals ein Pilger nach Hause, ohne ein Vorurteil weniger und eine neue Idee mehr zu haben.


Thomas Morus


Nach Jerusalem wandert man, um Jesus zu finden, nach Rom geht man zum Papst, doch auf dem Pfad nach Santiago de Compostela sucht man sich selbst.

spanisches Sprichwort

Weitere Informationen

Die Restaurierung wird ermöglicht dank der Unterstützung durch:


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