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Freiheit und Grenzen von Wissenschaft und Kunst – Podiumsdiskussion

Wann?

18:00 Uhr

Wo?

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle (Saale)
barrierefreier Zugang

Beschreibung

„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“, heißt es in „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt. Das Drama entstand 1961 in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Atombombeneinsatz der Amerikaner in Hiroshima, der Tausende von Menschen das Leben kostete. Es thematisiert die Verantwortung von Wissenschaftler*innen für die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Wissenschaft zeigt sich häufig janusköpfig: Grundlagenforschung steht gegen anwendungsorientierte Forschung, freie gegen Auftragsforschung. Dies wusste auch der Chemiker und Nobelpreisträger Karl Ziegler (1898–1973), der während seiner Zeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg von 1936 bis 1945 u. a. kriegswichtige Forschungen betrieb und Aufträge und Gelder u. a. vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau, der Koordinationsstelle für die Rüstung, annahm. Der Historiker Henrik Eberle konstatiert, dass die Rüstungsforschung das Profil des Chemischen Instituts unter Karl Ziegler bestimmte: „[I]hn interessierte dabei allein das wissenschaftliche Problem, nicht die Verwertbarkeit.“ (H. Eberle: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945, Halle (Saale) 2002, S. 229 f.) Im Zuge seiner Wahl zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-(später Max-Planck-)Instituts für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr im Jahr 1943 machte Ziegler anwendungsfreie Forschung zur Bedingung seiner Arbeit! Darf es einem Wissenschaftler egal sein, wofür seine Forschungsergebnisse Anwendung finden bzw. woher das Geld zur Finanzierung seiner Forschung kommt?

In der Genetik und im Bereich der Künstlichen Intelligenz werden heute bahnbrechende Ergebnisse erzielt, die einerseits positiv stimmen, andererseits aber auch Ängste aufkommen lassen, wenn den potentiellen Anwendungsmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt werden. Wer setzt diese Grenzen? Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die CRISPR/Cas-Methode, entwickelt im Jahr 2011 von Emanuelle Charpentier und Jennifer Doudna. Auch als modernes Genom Editing bezeichnet, ermöglicht sie durch gezielte Eingriffe in die Erbsubstanz, Krankheiten zu heilen, kann aber auch mit anderen, moralisch und ethisch strittigen Zielen angewandt werden. 2017 verabschiedete die Max-Planck-Gesellschaft „Hinweise und Regeln zum verantwortlichen Umgang mit Forschungsfreiheit und Forschungsrisiken“.

Da scheint die Kunst vermeintlich unbelasteter zu sein. Doch auch hier werden immer wieder Fragestellungen diskutiert, die die Verantwortung der Künstler*innen für ihre Werke bzw. ihre Verantwortung als Künstler*innen im Gefüge der Gesellschaft und ihrer gegenwärtigen Veränderungen hinterfragen. Auf drei aktuelle Beispiele sei verwiesen: Im Dezember 2018 sagte der irakisch-amerikanische Künstler Michael Rakowitz seine Teilnahme an der renommierten Whitney Biennale für zeitgenössische Kunst ab, um gegen die Aktivitäten von Warren B. Kanders, einem der Vize-Vorsitzenden des New Yorker Whitney Museum of American Art, zu protestieren. Kanders’ Firma Safariland vertreibt u. a. Tränengas, das im November 2018 an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze gegen Asylsuchende eingesetzt wurde. Rakowitz schloss sich mit der Ablehnung seiner Teilnahme an der Biennale einem Protestbrief der Museumsmitarbeiter*innen an, in dem es u. a. heißt: „Schweigen heißt, sich mitschuldig zu machen“, und forderte: „Wir brauchen ethische Richtlinien fürs Mäzenatentum.“

Im Februar 2019 protestierte die amerikanische Fotografin Nan Goldin im New Yorker Guggenheim Museum mit der von ihr gegründeten Gruppe „Prescription Addiction Intervention Now“ (PAIN) öffentlichkeitswirksam dagegen, dass das Museum regelmäßig durch die Stiftung des Sackler Trusts finanziell unterstützt wird. Zahlreiche Institutionen weltweit distanzierten sich in den zurückliegenden Wochen von der Stiftung, darunter die National Portrait Gallery in London und zuletzt das Jüdische Museum in Berlin. Die Erben von Mortimer und Ramond Sackler sind Eigentümer der Firma Purdue Pharma, die das Schmerzmittel OxyContin produziert, das für die Opioid-Krise in den USA verantwortlich gemacht wird.

Schließlich wurde Anfang April 2019 bekannt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel zwei Gemälde von Emil Nolde aus ihrem Büro zurückgibt an die Leihgeber. Nolde war zwischen 1934 und 1945 Mitglied der NSDAP, vertrat antisemitische und rassistische Positionen und bekannte sich systemstabilisierend bis zuletzt zum NS-Staat. Kann und darf man die Werke eines Künstlers für dessen politische Haltung und sein Einstehen für ein menschenverachtendes und -vernichtendes System haftbar machen?

Über diese Fragen und viele mehr diskutieren:

Thomas Bauer-Friedrich
Direktor Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

Prof. Dr. em. Bärbel Friedrich
Humboldt-Universität zu Berlin, ehemalige Vizepräsidentin der Leopoldina

Prof. Dr. em. Udo Sträter
Alt-Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich
Kunstwissenschaftler, Leipzig

Moderation
Thomas Bille, MDR Kultur

Eintrittspreise

Eintritt frei

Veranstalter

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle Saale
Tel: +49 345 21259-73
Fax: +49 345 20299-90

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