16. November 2022

Imperiale Kontinuitäten in der russischen Politik: Der Vertrag von Perejaslaw in der sowjetischen Medaillenkunst

 

Im Jahr 1721 geschah im zaristischen Russland etwas, das zunächst als Öffnung zum europäischen Westen hin gedeutet werden konnte. Peter der Große (Mai 1672 – Februar 1725) gab sich, nach fast 40 Jahren Regierungszeit, den im russländischen Reich als „europäisch“ betrachteten Titel des Imperators und formte damit das bis dahin zaristische Reich zu einem Imperium um. Daraufhin entbrannte eine innenpolitische Debatte darüber, was dies eigentlich für das Reich und das russische Wesen an sich bedeuten könne. Gewonnen hat diese Fragestellung, betrachtet man die jüngsten Aggressionen und den Angriffskrieg auf die Ukraine, der panslawistische Politiker Nikolai Jakowlewitsch Danilewskji (Dezember 1822 – November 1885), welcher im späten 19. Jahrhundert betonte, dass es unmöglich sei, Russland die Bildung von Kolonien vorzuwerfen, da alle Länder, die ringsherum lägen, von Natur aus zur russischen Einheit gehören würden. Nicht umsonst wird Danilewskji bis heute von russischen Präsidenten zitiert, zuletzt wiederholt von Vladimir Putin (*7. Oktober 1952), der mit derlei Ansichten, dass es eben keine natürlichen Grenzen mit der Ukraine, sondern vielmehr eine naturgegebene Einheit beider Länder gäbe, seinen Angriff auf die Ukraine rechtfertigte.

Im heutigen Blog-Beitrag betrachten wir die Kontinuitäten des panslawistischen Weltbildes, das seine Spuren in der sowjetischen Medaillenkunst hinterlassen hat. Vielerlei Exemplare sind in der Sammlung des Landesmünzkabinettes am Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) erhalten. Betrachtet werden soll hier allerdings eine Medaille aus dem Jahr 1954.

Zu sehen ist eine kleine Kupfermedaille mit 50mm Durchmesser. Gestaltet wurde sie von drei verschiedenen Medailleuren der Leningrader Münze, V.M. Akimushkina, A.I. Reznichenko und I.P. Khotinok. Sie ist zweiseitig mit dreidimensionalen Darstellungen versehen. Die dargestellten Ereignisse „erinnern“ in ihrer Umschrift an eine 300 Jährige „Wiedervereinigung“ der Ukraine mit Russland. Gemeint ist hierbei die Vertragsschließung von Perejaslaw im Januar 1654. Damals schlossen sich aufständische Kosaken, die sich gegen polnische Machtansprüche erwehrten, in der Stadt Perejaslaw zu einem Rat zusammen und leisteten einen Treueeid auf Zar Alexei I. (März 1629 – Februar 1676), in Anwesenheit des russischen Bojaren Wassili Buturlin (+ 1656). Wie bereits aufgefallen sein wird, lassen sich viele Lebensdaten einzelner Akteure dieser Zeit leider nicht auf den Tag genau bestimmen.

 

Medaille zum 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland, Vorderseite, Kosaken mit Bojaren, Umschrift in Ukrainisch und Russisch, Gestaltung: V. M. Akimushkina / A. I. Reznichenko / I. P. Khotinok, Bronze, Umfang 50 mm, 76,93 Gramm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lennart Rödding

 

Auf der Medaille ist die Schließung des Vertrages dargestellt. Die Umschrift ist sowohl auf Russisch, als auch auf Ukrainisch dargestellt, was eine Gleichberechtigung und Zweisamkeit betonen soll. Rückseitig sind sowohl die russische als auch die ukrainische Seite porträtiert, welche sich „brüderlich“ die Hände reichen, durch die Darstellung der Personen Bohdan Chmelnyzkyj (*1595 – 6. August 1657), damals kosakischer Heerführer, und dem besagten Bojaren Wassili Buturlin. Umringt sind sie von ihren jeweiligen Gefolgsleuten. Erkennbar sind die Personen an ihren Trachten und den markant dargestellten Gesichtszügen. Auf der Vorderseite soll die Freundschaft und Brüderlichkeit abermals betont werden. Hier sind es allerdings nur vier Personen, die zu sehen sind. Die ukrainische Seite wird wieder in traditioneller Tracht dargestellt, während die russische Seite durch einen Mann im modernen Anzug repräsentiert wird. Zu den jeweiligen Seiten steht je eine Person in soldatischer Kleidung der Zeit um 1654, jedoch ohne Bewaffnung, sondern mit Geräten zur Feldarbeit. Wer sich hier an eine berühmte Friedensparole („Schwerter zu Pflugscharen“) erinnert fühlt, liegt ganz richtig, denn der permanente freiwillige Frieden wird hier durch die Bäuerlichkeit der beiden Soldaten abermals betont. Im unteren Vordergrund ist das Wappen der Ukrainischen SSR zu erkennen, während hinter den beiden Protagonisten die Mauern des Moskauer Kreml aufragen.

 

Medaille zum 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland, Rückseite, Verbrüderung der Völker, Umschrift in Ukrainisch und Russisch, Gestaltung: V. M. Akimushkina / A. I. Reznichenko / I. P. Khotinok, Bronze, Umfang 50 mm, 76,93 Gramm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Lennart Rödding

 

Der historische Hintergrund, welcher zum Vertragsabschluss von Perejaslaw führte, war die Herrschaft des Königreichs Polen-Litauen, welche seit 1569 das Gebiet der heutigen Ukraine beinhaltete und zu einer starken Diskriminierung der ruthenischen (ukrainischen) Bevölkerung geführt hatte. Die saporogischen Kosaken verbanden sich unter Bohdan Chmelnyzkyj, dem Hetman der Kosaken, zu einer einheitlichen Bewegung und es kam daraufhin zum sog.
„Chmelnyzkyj-Aufstand“, welcher von 1648 bis 1657 andauerte. Der Hetman war der zweithöchste Dienstgrad im Militär der Kosaken und kann mit der Befehlsgewalt eines Feldmarschalls verglichen werden. Abgeleitet wird das Wort aus dem Altmittelhochdeutschen und entspricht sprachlich dem „Hauptmann“.

Im Zuge der Kämpfe kam es allerdings auch zu einer Vielzahl antisemitischer Pogrome, da jüdische Kaufleuten oft Kollaboration mit dem polnisch-litauischen Adel unterstellt wurde. Jenseits dieser Gräuel erhoffte man sich vom russischen Zaren Alexej I. militärische Unterstützung. Der Zar wurde vertraglich zur Kriegserklärung gegen Polen-Litauen verpflichtet, dem der Zar auch nachkam und den Russisch-Polnischen Krieg eröffnete, welcher bis 1667 andauern und erst mit der Pattsituation im „Ewigen Frieden“ von 1686 tatsächlich enden sollte. Die Ereignisse stehen dabei beispielhaft für die langwierige Rivalität um die ruthenischen Gebiete.

In der Geschichtsschreibung beider Länder sind die Ereignisse von Perejaslaw ganz unterschiedlich ausgelegt worden. Während man sich in Russland ganz an der bürgerlichen vorrevolutionären Geschichtsschreibung orientierte und den Vertrag als Aufhebung der „unnatürlichen“ Trennung ansah, war man in der Ukraine durchaus der Ansicht, dass die Kosaken in Perejaslaw betrogen wurden, da die Vertragsschließung als zeitlich begrenzt betrachtet angesehen wurde. Die Formierung der Ukraine zu einem zaristisch imperialen Vasallen sei daher vertragswidrig gewesen. Unter Betrachtung der Ereignisse seit 2014 ist es fast zynisch, dass der sowjetische Premier Nikita Chruschtschow (April 1894 – 11. September 1971) ausgerechnet zum Anlass der 300. Jahresfeier von Perejaslaw der damaligen Ukrainischen SSR die Halbsinsel Krim als Geschenk gab, als Betonung des Friedens und der Brüderlichkeit.

Die Medaille ist natürlich keineswegs das einzige Beweisstück für die, aus heutiger Sicht gesehenen, fragwürdigen Haltung der UdSSR zur Frage von Perejaslaw. Das Ereignis wurde 1954 mit einer Festschrift des Politbüros der KPdSU in der Propaganda des Staates fest verankert und bis ins letzte Detail ausgeschlachtet. So haben sich Postkarten, Anstecker, militärische Orden und Gemälde aus diesem Jahr erhalten, welche allesamt an die Ereignisse von 1654 bzw. 1954 im Sinne der vorgegebenen Geschichtsschreibung erinnern sollten. Somit ist die Medaille kein Einzelstück, sondern vielmehr ein propagandistisches Massenprodukt.

Diese Medaille teilt sich ihr Schicksal mit einer Vielzahl anderer Exemplare der sowjetischen Medaillenkunst. Für nahezu jede sowjetischen Teilstaat gab es entsprechende Stücke, die entweder von einem „freiwilligen Beitritt“ oder einer längst überfälligen „Wiedervereinigung“ sprachen. Dass die entsprechenden Ereignisse allesamt weniger mit Freiwilligkeit, sondern vielmehr mit Zwang verknüpft waren, wird dabei selbstredend verschwiegen, eine politische Grundhaltung, die sich exemplarisch am Angriffskrieg auf die Ukraine wiederholt. Es scheint ganz so zu sein, dass seit 1721 der gleiche imperiale Anspruch die russische Außenpolitik bestimmt: Alle Nachbarn gehören zu einem russischen Staat und eigentlich würden sie auch gerne alle dazu gehören. Mit dieser außenpolitischen Grundhaltung ist es natürlich einfach, sich als „Retter“ eben jener Staaten zu präsentieren. Da wird ein barbarischer und völkerrechtswidriger Angriffskrieg schnell zur „militärischen Spezialoperation“.

Am Beispiel der beschriebenen Medaille zeigt sich, dass diese Stücke bis heute vielfältige Funktionen haben können. Sei es als Werkzeug der politischen Propaganda zum Zeitpunkt der Herstellung oder aber als Mahnmal für Ungerechtigkeit und Unterdrückung, insofern die Medaille aus der heutigen Zeit betrachtet wird. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich politische Vorstellungen von staatlicher Seite aus in der Medaillenkunst niederschlagen können und zeigt auf, wie perfide die sowjetische Propaganda eigentlich gewesen ist.