03. August 2020

„Schwarz – Grau – Weiß ist meine Farbigkeit“ 

Konstanze Göbel zum 70. Geburtstag

Die Fotografin Konstanze Göbel wurde am 3. August 1950 in Leipzig geboren. Einprägsame Porträts, detaillierte Sachaufnahmen und Bilder von Halle, Leipzig und Umgebung zeichnen ihr Werk aus. Von 1970 bis 1975 studierte sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Heinz Föppel angewandte Fotografie. Prägend waren die Bildbesprechungen bei dem Gastdozenten Arno Fischer. Ab 1975 war Konstanze Göbel freischaffend als Fotografin und Gebrauchsgrafikerin mit preisgekrönten Plakatentwürfen in Halle tätig. Seit 1977 war sie Mitglied im Verband Bildender Künstler, es folgten zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland.

 

Schwarz – Grau – Weiß ist meine Farbigkeit. Mit ihr versuche ich, meine Betroffenheit vom Leben sichtbar werden zu lassen.

Konstanze Göbel

 

1987 begann Göbel, die Stadt Halle und ihre Menschen in feinfühligen Bildern festzuhalten. Anlass war ein Auftrag des Rates des Bezirkes Halle, das Aufeinandertreffen von neuer und alter Architektur zu dokumentieren – durchaus mit positivem Fokus auf die Neubauten. Von offizieller Seite war das Projekt gedacht als Gegenbild zu der von Helga Paris 1983 bis 1985 aufgenommenen Fotoserie „Häuser und Gesichter“, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst hatte. Auch Göbels Fotografien zeigen jedoch das Bild einer Stadt voller innerer Widersprüche, porträtiert in klaren, oft betroffen wirkenden Bildern.

 

Die heute wunderbar restaurierten Altbauten der inneren Stadtviertel, die Halle in neuem altem Glanz erstrahlen lassen und einen nicht unerheblichen Teil der Anziehungskraft der Saalestadt ausmachen, besaßen in den 1980er Jahren einen eher morbiden Charme: Durch jahrelange Sanierungsnotstände und den Einfluss des größten Industriestandorts der DDR waren viele Gebäude in desaströsem Zustand, ein Hauch von Grau lag stets über der Architektur. Als Folge waren laut Planvorgaben für 1989 15 Millionen Mark für Abrissarbeiten vorgesehen. Göbels Bilder belegen eindrücklich die visuelle Anziehungskraft, welche dieses städtische Panorama ausstrahlte. Zugleich verdeutlichen sie die fragile Lebenssituation der Bewohner.

 

Immer wieder erlebt man auf ihren Bildern aber auch die Schönheit der architektonischen Anlage der Stadt, auf den Fotografien tritt eine ungeahnte Monumentalität dieser Architektur hervor.

Die Gewaltigkeit der ruinösen Stadt wird so gegenwärtig, daß man sich der Bewunderung nicht zu entziehen vermag.

Die Architekturaufnahmen sind beeindruckend vollkommen.
 

Asta Richter

 

Besonders eindrucksvoll sind die Bilder aus der Geiststraße. Sie zeigen eine brisante Mischung aus bröckelnder Architektur und vorbeieilenden Menschen. Anders das Bild der Großen Ulrichstraße, auf dem die erhabenen Bauformen und die sanft geschwungene Fahrrille der Straßenbahn sich ergänzen. Mit ihrem Blick für visuell wirksame Situationen nimmt Göbels Kamera auch die Lebenswirklichkeit der Kinder auf, zeigt spielerische, aber auch ambivalente Momente: Im hellen Sonnenlicht zeichnet sich der Schatten eines kleinen Mädchens deutlich auf der Straße ab, der schmale Mund eines Jungen wird durch die Bahnschranke betont und zum psychologischen Ausdruck gesteigert.

 

Das im Hintergrund sichtbare Haus mit dem Schriftzug „Reep-Optik“ wurde zum Kristallisationspunkt für das Konfliktpotenzial der Abrissarbeiten: Ende der 1980er Jahre fand sich eine engagierte Gruppe zum Erhalt des spätbarocken Fachwerkhauses zusammen, die Behörden waren jedoch schneller. Sicherlich nicht zufällig ist es Gegenstand von zwei Aufnahmen im Schuss-Gegenschuss-Verfahren: Für das erste Motiv begibt sich Konstanze Göbel ins Innere des Gebäudes, die Aussicht durch die Balkenaussparungen zeigt die Kreuzung Ecke Geiststraße/Universitätsring, das offene Dach spricht für sich. Mit dem zweiten Bild rückt das Gebäude selbst ins Blickfeld, der Fahrradfahrer im Vordergrund verortet es im halleschen Alltag. Das Bildpaar wird zur Metapher auf Göbels doppelte Rolle als Bewohnerin und Dokumentaristin der Stadt. Asta Richter sieht genau hier die Stärke von Göbels Bildern und beschreibt sie als „sozial engagierte“ Fotografin, deren Betroffenheit Motivation als auch Bildinhalt ihrer Aufnahmen ist.

 

Die Halle-Serie gehört zu Göbels bekanntesten Werken. In der fotografischen Sammlung des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) lassen sich jedoch weitere Preziosen finden, so etwa großformatige Abzüge, die Göbel auf dem thüringischen Land aufgenommen hat, darunter Porträts und Sachaufnahmen. Eine Entdeckung sind Bilder aus dem Atelier der Keramikerin Gertraud Möhwald (1929–2002), denen es gelingt, die spröde Oberfläche des Materials visuell zu transportieren.

Wer tiefer eintauchen möchte ins Werk von Konstanze Göbel, kann man ab dem 25.9. 2020 die Ausstellung „Metamorphosen. Industriekultur im Wandel – Fotografien aus Leipzig und Umgebung in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig besuchen. Beispiele ihrer Porträtarbeiten finden sich zudem in dem VNG Fotokunstarchiv in Leipzig, das mit dem Projekt „EAST – Zu Protokoll“ Bilderinnerungen verschiedener Fotografinnen und Fotografen für den Zeitraum zwischen August 1989 und Januar 1990 versammelt, um die Umbruchzeit visuell erlebbar zu machen.

„EAST – Zu Protokoll“

Ausstellung: „Metamorphosen. Industriekultur im Wandel – Fotografien aus Leipzig und Umgebung“ in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, 25.09.2020–17.01.2021

 

Den Verfall und den Abriss und überhaupt das Leben in Halle vor der politischen Wende 1989 dokumentieren verschiedenste private Filme, die die Bürgerstiftung Halle auf der sogenannten „Hallrolle“ zusammengetragen hat. Mehr dazu unter:

Die HallRolle der Bürgerstiftung Halle

 

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Ausstellung

Metamorphosen. Industriekultur im Wandel – Fotografien aus Leipzig und Umgebung

Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

25.09.2020–17.01.2021

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Online-Fotoarchiv

EAST – Zu Protokoll

Arbeiten von Konstanze Göbel in der Fotokunstsammlung der VNG

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Publikation

Muschter, Gabriele:
Dramaturgie des Verfalls. Helga Paris, Eva Mahn und Konstanze Göbel fotografieren Halle

in: Kunst in der DDR. Künstler/Galerien/Museen, hrsg. von Eckhart Gillen und Rainer Haarmann, Köln 1990, S. 432/433.

Publikation

Richter, Asta: Konstanze Göbel. Fotografieren in Halle

in: Fotografie, H. 9, Jg. 1990, S. 322-329.

Publikation

Konstanze Göbel, Reinhard Hentze und Peter Kersten. Drei Fotografen aus Halle a. d. Saale

Ausst.-Kat., Kunstverein Salzgitter e. V., 1990.

Publikation

Muschter, Gabriele: DDR Frauen fotografieren

Lexikon und Anthologie, Berlin 1991.